HUNDERTJÄHRIGE ANLEIHEN
Nur für extrem optimistische Schildkröten geeignet

Kürzlich fragte mich eine treue Blogleserin, ob ich ihr raten würde, die vor kurzem von der Republik Österreich begebene hundertjährige Anleihe zu erwerben. Die Recherche über diese sogenannte „Methusalem-Anleihe“…

erwies sich als so spannend, dass ich Sie an den Ergebnissen teilhaben lassen möchte.

Die Fakten vorab

In der Tat hat die Republik Österreich im Herbst 2017 eine hundertjährige Anleihe herausgegeben. Diese weist einen Kupon (also eine feste Zinszahlung) von gerade einmal 2,1 % p. a. auf. In Worten: zweikommaeins Prozent pro Jahr für einhundert Jahre fest.

Das Angebotsvolumen von 3,5 Milliarden Euro ist schon ein Wort (also keine kleine Emission). Jedoch stand diesem Volumen trotz eines Kurses von 102 % eine Nachfrage von über 11 Milliarden Euro gegenüber – das nennt der Fachmann „mehrfach überzeichnet“.

Die Anleihe wird am 20.09.2117 endfällig. Das sieht aus wie ein Schreibfehler, aber so ist das bei hundertjährigen Anleihen. Vorher ist sie nicht kündbar.

Das Rating der Agentur „Fitch“ für diese Staatsschuld lautet auf „AA+“ – also eine ordentliche bis gute Risikoeinschätzung (was für ein Europäisches Staatspapier ohne konkretes Krisenszenario völlig normal und durchschnittlich ist).

Nachstehend für die weitergehend interessierten BlogleserInnen (Bitte nicht als Empfehlung missverstehen!), die Wertpapierkennnummer (WKN) A19PCG sowie die Internationale Wertpapieridentifikationsnummer (ISIN) AT0000A1XML2.

Interpretation der Anleihebedingungen

Eine kurze Interpretation der oben dokumentierten Fakten: Hätte die interessierte Blogleserin im Herbst 2017 beispielsweise die Österreichische Methusalem-Anleihe im Nominalwert (=Nennwert) von 1.000 Euro – das ist die Mindeststückelung – erworben, hätte sie dafür 1.020 Euro bezahlt (wegen des Kaufkurses von 102 %).

Sie erhielte nun 100 Jahre lang eine fixe jährliche Zinszahlung von 21,00 Euro (in Worten: einundzwanzig Euro jährlich auf 1.020 eingezahlte Euro) und am Ende der 100 Jahre – wenn alles gut geht – dann parallel zur letzten Zinszahlung den Nennwert von 1.000 Euro zurück. Genauer gesagt, wird die planmäßige Rückzahlung dann wahrscheinlich an die Erben gehen, denn bis zum Ende der Laufzeit werden das wohl die wenigsten heute lebenden Erst-Investoren miterleben. J

Die Differenz zwischen dem Kaufpreis von 1.020 Euro und der Rückzahlung von 1.000 Euro zum Laufzeitende geht dem Anleger, der die Rückzahlung abwartet, mit Sicherheit verloren. Dadurch reduziert sich die jährliche Rendite der Anlage von 2,1 % (was der nominelle Zins auf den Nennwert von 100 wäre) auf nur noch knapp über 2 % (exakt: 2,053 %).

Ganz schön dreist diese Österreicher

Als ich die obigen Fakten las, mir die Umstände dieser Emission verdeutlichte und die hundertjährige Anleihe ein wenig mit Hilfe von Excel analysierte, konnte ich ein launisches Grinsen kaum unterdrücken.

Da gibt eine kleine Alpenrepublik, die selbst noch nicht einmal hundert Jahre alt ist, jedoch in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits zweimal pleite war (nämlich 1924 und 1947), eine solche Methusalem-Anleihe heraus und sichert sich für ein ganzes Jahrhundert den Betrag von 3.500.000.000 Euro zu einem Festzins, der ein gutes Drittel unter der langjährigen durchschnittlichen Inflationsrate des Euroraumes liegt. Herzlichen Glückwunsch – gut gemacht!

Natürlich können die Österreicher (die schon zuvor die Aufnahmefähigkeit des Marktes mit einer 70-jährigen Anleihe „getestet“ haben) von sich sagen: „Wir haben in Europa ja nicht damit angefangen!“ Denn in der Tat haben sowohl Irland als auch Belgien bereits im April 2016 hundertjährige Anleihen begeben. Allerdings jeweils nur im Volumen 100 Millionen Euro – also einem fünfunddreißigstel des Österreich-Bonds. Und: Die Methusalem-Anleihen von Irland und Belgien wurden direkt an institutionelle Investoren verkauft, d. h. sie waren für Privatanleger am Anleihemarkt nicht erhältlich. Das ist bei der Österreich-Anleihe nun anders und führte zu dem Entscheidungsproblem meiner Blogleserin.

Außerhalb Europas haben in jüngerer Vergangenheit vor allem Mexiko und Argentinien mit Methusalem-Anleihen auf sich aufmerksam gemacht. Mexiko begab im April 2015 ein Volumen von umgerechnet rund 1,5 Mrd. Euro bei einer Verzinsung von etwa 4,2 %. Und Argentinien im Juni 2017 ein Volumen von ca. 2,3 Mrd. Euro mit einer Verzinsung von ca. 7,2 %. Schaut man bei Argentinien hundert Jahre zurück anstatt nach vorn, so kann man hier allein sechs (!) Staatsbankrotte zählen – das ermuntert doch für die Zukunft.

Eine Übersicht über weitere Langfristanleihen finden Sie in meinem Buch „Einfach genial entscheiden in Geld- und Finanzfragen“ auf Seite 41. Lassen Sie sich mit dem Lesen gerne Zeit – es eilt ja nicht…

Risiko ohne echte Rendite

Doch zurück zur Emission der Alpenrepublik. Auf das Risiko des Zahlungsausfalls möchte ich hier nicht mehr weiter eingehen. Es wurde oben angedeutet und wird durch das Fitch-Rating nur unzureichend abgebildet. Das soll aber kein Vorwurf sein. Denn weder Fitch noch irgendein jemand kann in die Zukunft schauen und keine Kristallkugel der Welt erlaubt den Blick auf einen hundertjährigen Zeithorizont.

Ein zusätzliches enormes Risiko der Österreichischen Methusalem-Anleihe kommt jedoch von der Zinsseite. Präzise ausgedrückt: Das relative Zinsänderungsrisiko. Oder mit anderen Worten: Das Kursrisiko dieser Langfrist-Anleihe im Falle steigender Kapitalmarktzinsen.

Der kleine Bruder

Ein erstes Gefühl hierfür möge der kleine Bruder der betrachteten Österreichischen Anleihe geben: Am 25. Oktober 2016 gab die Alpenrepublik eine Anleihe mit 70 Jahren Laufzeit und einem Kupon von 1,5 % heraus.

Wer diese Anleihe ein paar Tage später – z. B. am 4. November 2016 erwarb, zahlte einen Kurs von 100,08 %. Danach stiegen die Zinssätze am Kapitalmarkt. Zwar nur recht gering – von einer Zinswende kann überhaupt nicht die Rede sein. Aber aufgrund der siebzigjährigen Laufzeit, führen eben auch kleine Zinssteigerungen zu großen Kursschwankungen. Und so lag der Kurs am 26. Januar 2017 (also gerade ein Vierteljahr nach der Ausgabe) nur noch bei 81,36 %.

Anleger, die Anfang dieses Jahres nach heftigen Kursausschlägen der Anleihe in beide Richtungen genervt aus dieser Anlage ausgestiegen sind, konnten zum Kurs von 87,63 % verkaufen und haben rund 12,5 % Kursverlust erzielt. Wohlgemerkt bei einer vermeintlich sicheren Staatsanleihe mit ordentlichem Rating. Aber eben einer Restlaufzeit von nun noch knapp 69 Jahren.

Kurzum: Die Erfahrungen mit dem siebzigjährigen „kleinen Bruder“ zeigen, dass die Methusalem-Anleihe für den Österreichischen Staat ein sehr gutes, für den Anleger aber ein schlechtes Geschäft ist. Das ermuntert also nicht gerade zum Erwerb der hundertjährigen Anleihe.

Lange Laufzeit – große Kursschwankungen schon bei kleinen Zinsänderungen

Wie die zu erwartenden Kursverluste bei einer Anleihe mit hundert Jahren Laufzeit rein rechnerisch aussehen würden, zeigt die nachstehende Tabelle.

Lesebeispiel für den Fall der kleinen Steigerung des Marktzinssatzes auf 3 % – also lediglich plus 0,9 Prozentpunkte. Das ist in der obigen Tabelle die blaue Zeile:

Während eine neu herausgegebene Anleihe 3 % Zinsen bezahlen müsste, bleibt der Kupon der Österreichischen Anleihe vertragsgemäß starr bei 2,1 %. Dies macht sie für die Anleger unattraktiv, denn diese haben für hundert Jahre einen Zinsnachteil von 0,9 % gegenüber der Marktrendite. Erst wenn der Kaufkurs der Anleihe auf 71,56 % fällt, erzielt der Anleger die aktuelle Marktrendite von 3 %. Also wird die Anleihe eben auch auf 71,56 % fallen (so sicher wie das Amen in der Kirche und tausendfach beobachtete Praxis). Veräußert ein Anleger die Anleihe nun zu diesen Kurs, so muss er die Differenz von 71,56 % zum Erwerbskurs als Verlust verbuchen. Da ich den konkreten Kaufkurs unterschiedlicher Anleger nicht kennen kann, habe ich diesen in der obigen Tabelle lediglich auf den Nominalwert von 100 bezogen. Der Ersterwerber der zu 102 % gekauft hat, erlitt sogar einen Kursverlust von 30,44 Prozentpunkten. Dies entspricht einem 29,84 prozentigen Kursverlust auf die Basis seines eingesetzten Kapitals Und dies alles nur wegen der Marktzinssteigerung von 2,1 auf 3 %! Die übrigen Zeilen lassen sich in gleicher Weise interpretieren.

Mächtiger Hebel

Es ist unschwer zu erkennen, dass die enorm lange Laufzeit und damit Dauer der Zinsbindung zu einem sehr starken Hebel führt, der bereits bei nur kleinen Zinserhöhungen ganz erhebliche Kursverluste nach sich zieht.

Ich räume zwar ein, dass starke Steigerungen der langfristigen Kapitalmarktzinsen (also z. B. auf 5 % oder auf 8 %) recht unwahrscheinliche Szenarien darstellen. Ich selbst erwarte aufgrund der makroökonomischen Rahmenbedingungen auch nur langsame und geringe Zinssteigerungen und eine über viele Jahre eher flach verlaufende Zinsstrukturkurve („the new normal“). Völlig ausgeschlossen sind jedoch auch größere Zinssteigerungen nicht und um solche Szenarien vorzufinden, muss man nicht hundert Jahre, sondern gerade einmal 30 bis 40 Jahre in die Vergangenheit zurückblicken.

Und selbst der Fall einer mittelkleinen Zinssteigerung auf 4 % am langen Ende der Zinsstrukturkurve führt zu schmerzhaften Kursverlusten fast dem halben Kapitaleinsatz.

 

Und was bedeutet das nun konkret für Sie?

  • Dass ich der Blogleserin ganz klar und eindeutig von einer Investition in die Österreichische Methusalem-Anleihe abgeraten habe, ist wohl klar.
  • Wenn viele Marktteilnehmer den Verstand verlieren und etwas Sinnloses tun, dann ist das für meine geschätzten BlogleserInnen noch lange kein Grund, dies ebenso zu tun. Also Finger weg von allen Langfristbonds (auch schon solchen mit 30 oder 50 Jahren Laufzeit).
  • Thema Alternativen: Über jeden beliebigen Hundertjahreszeitraum hat Gold einen Wertzuwachs erzielt, der auf alle Fälle über der Inflationsrate lag. Auch ist Gold noch nie „pleite gegangen“ oder hat die Zahlungsunfähigkeit erklärt. Muss ich noch weiterreden?
  • Auf die Frage, warum dann die Österreichische Methusalem-Anleihe mehrfach überzeichnet war, gibt es zwei mögliche Antworten:
    (1) Der Anlagenotstand durch die Null- und Niedrigzinspolitik der EZB führt dazu, dass z. B. Versicherer, die überwiegend risikoarm anlegen müssen, in immer längere Laufzeiten gedrängt werden. Beispielsweise erzielen die meisten Staatspapiere von Ländern der Eurozone bis zu Laufzeiten von sieben Jahren negative Renditen. Davon kann der Versicherer aber keine Garantieverzinsung bezahlen.
    (2) Investoren aus anderen Währungsräumen akzeptieren die magere Langfristrendite von 2 % ggfs. deswegen, weil Sie eine Euro-Anlage zur Währungsdiversifikation benötigen oder eine zusätzliche Renditeverbesserung durch die Aufwertung des Euro gegenüber ihrer Heimat- oder Drittwährung erhoffen.
    Aber für Sie gelten diese Gründe und Argumente eben nicht.

 

Abschließend empfehle ich die Lektüre der Kapitel A 2 und A 3 in meinem Buch „Einfach genial entscheiden in Geld- und Finanzfragen“. Leicht verständlich können Sie dort den Hintergrund des Phänomens „Zinsfalle“ nachlesen. Das wird Sie in Ihren Anlageentscheidungen sicherer machen und Ihnen wahrscheinlich viel Geld sparen.

Außerdem wünsche ich Ihnen natürlich ein schildkrötenlanges Leben, in dem Sie noch oft meine Blogbeiträge weiterempfehlen können 😉

Herzliche Grüße
Hartmut Walz
Sei kein LeO!

 

Erschienen am 26. Januar 2018.

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2 Kommentare zu “Hundertjährige Anleihen: nur für extrem optimistische Schildkröten geeignet

  1. FabGro

    Unglaublich, was es alles gibt und womit “der Markt” den Anleger immer wieder überrascht. Toll sind dann immer Ihre präzisen Berechnungen und die klaren Argumente zu solchen “Angeboten”. Das hat Hand und Fuß und stellt dem Bauchgefühl klare Fakten zur Seite. Danke, wie immer sehr erhellend.
    FabGro

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Liebe/r FabGro, und wenn man dann bedenkt, dass die Österreicher ja nicht die ersten und einzigen mit diesen “tollen Angeboten” sind…. Es freut mich, wenn der Hartmut Walz Finanzblog Licht und Lächeln bringen kann 😉
      Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten

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