ICH WAR FÜR SIE IN FRANKFURT A.M.
Altersvorsorge anders denken, eine Podiumsdiskussion

Warum fällt es aktuell vielen Menschen schwer, vorzusorgen? Warum verlieren manche dabei sogar ihr ganzes Kapital? Könnte unter anderen Rahmenbedingungen eine bessere Altersvorsorge gelingen?

 

Das sind Fragen, die über die Anlage- und Vorsorgeentscheidungen des Einzelnen hinausgehen. Sie setzen auf einer höheren, nämlich der gesellschaftspolitischen Ebene an. Ihre Beantwortung kann zu einem größeren Hebel in der Problemlösung führen. Darin waren sich alle anwesenden ExpertInnen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft einig.

In der vergangenen Woche lud mich die Verbraucherzentrale Hessen in den Frankfurter PresseClub. Unter den Blicken der Deutsche-Bank-Türme ging es um das Thema „Sicherheit schaffen – Altersvorsorge in dynamischen Zeiten”. Hier ein paar Schlaglichter für Sie.

Die Marktwächter-Experten der Verbraucherzentrale Hessen haben sich vorab mit den Stolpersteinen auf dem Weg zum richtigen Altersvorsorgeprodukt beschäftigt. Klingt sperrig, wurde aber bald konkret. Sie fragten:

 

Wie sieht es derzeit für den Verbraucher aus, der für sein Alter vorsorgen möchte?

Mitunter schwierige Erwerbssituationen auf der einen Seite: befristete Arbeitsverträge, Arbeitgeberwechsel, Teilzeit. Auf der anderen Seite befinden wir uns in einer ausgedehnten Niedrigzinsphase: herkömmlichen Altersvorsorgemöglichkeiten wie Sparbuch, Lebensversicherung, Bundesanleihen ist die Luft ausgegangen. Es mangelt ihnen an Rendite.

Rendite ist aber notwendig, um Ihrem Geld mindestens die Kauf zu erhalten.

Was also tun? In risikoreiche Anlageformen ausweichen, die mit höherer Rendite winken? Gar in den Grauen Kapitalmarkt investieren?

Dort werden den Verbrauchern hohe Renditen versprochen. Jedoch sind die Finanzprodukte intransparent, hochriskant, oft teuer und kaum oder gar nicht beaufsichtigt.

 

Investieren Verbraucher aus Renditehunger in den Grauen Kapitalmarkt, obwohl sie diesen nicht verstehen?

Die Marktwächter-Experten der Verbraucherzentrale Hessen befragten geschädigte Verbraucher, die ihr Geld im Grauen Kapitalmarkt angelegt hatten. Sie untersuchten deren Motive, Umstände und Hintergründe. Dr. Nadine Mayer vom Markwächter Finanzen-Team stellte die Untersuchung vor.

Sie deckte einige aussagekräftige Muster in den Entscheidungsgründen von Verbrauchern auf, die Sie hier nachlesen können.

 

Finanzielle Sicherheit und Grauer Kapitalmarkt?

Dass die fehlende Transparenz sowie die vielfältigen Risiken des Grauen Kapitalmarktes mit den Anforderungen an eine seriöse Altersvorsorge nicht zusammenpassen, merken Sie, liebe LeserInnen sofort. Und das arbeiteten die Verbraucherschützer eindrucksvoll heraus.

 

Hier kommen nun die Teilnehmer der Podiumsdiskussion ins Spiel. Es diskutierten:

  • Sven Giegold, MdEP, finanz- und wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion Die Grünen/EFA,
  • Prof. Dr. Andreas Hackethal, Goethe Universität Frankfurt am Main,
  • Hans-Joachim Karopka, rheingold institut, Köln und
  • Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondverband BVI.

Die souveräne Moderation übernahm Christian Kirchner, Chefkorrespondent Capital, Frankfurt.

 

Kirchner | Hackethal | Karopka

 

Einleitend warf Kirchner die Frage auf, warum die Menschen sich so extrem ungern mit dem Thema Altersvorsorge beschäftigen.

Nach Auffassung von Karopka liegt das daran, dass die Menschen Altersvorsorge als Pflicht, Überwindung und Aufwand empfinden. Wie einen Zahnarzttermin, der hinter sich gebracht werden sollte, aber gerne hinausgeschoben wird. Bei Altersvorsorge muss man sich mit dem eigenen Altern auseinandersetzen. Wie viel Geld man für die einzelnen Szenarien im Alter braucht. Wann man vielleicht stirbt. Es ist nachvollziehbar, dass der Mensch sich schnell wieder schöneren Dingen zuwenden möchte.

 

Hackethal gab zu bedenken, dass rund ein Drittel der Deutschen ganz einfach deswegen zu wenig spart, weil sie nicht sparen können. Und dass rund ein Drittel aus falscher Angst vor Altersarmut zu viel sparen. Die Menschen wüssten nicht, was sie im Alter tatsächlich bräuchten. Und sie hätten keine Ahnung, was ihr Verdienst bzw. Vermögen von heute in 30 oder 40 Jahren wert sein wird.

Jedoch müsste jeder diese individuelle Transparenz seiner finanziellen Zukunft erst einmal haben, ehe man ihm dann Anreize zur Altersvorsorge setzen und ihn später bei der Umsetzung unterstützen könne. Transparenz in eigenen Finanzdingen sei das A und O. Die müsse jeder für sich zunächst einmal herstellen.

 

Kirchner fragte, ob finanzielle Bildung hier hilfreich sei.

Überraschenderweise meinte Hackethal nein, generelle Finanzbildung bringe wenig. Bestenfalls just in time-Bildung sei hilfreich.

Die Menschen könnten ihr Schulwissen Jahre oder Jahrzehnte später i.d.R. kaum anwenden. Stattdessen hätten sie zu einem bestimmten Zeitpunkt eine ganz konkrete Finanz- oder Vorsorgefrage. Und die müsste dann „just in time“ beantwortet werden – durch Verbraucherzentralen oder andere unabhängige individuelle Beratung und Aufklärung.

Eine besondere Rolle käme hier in der heutigen digitalen Welt Aufklärungsvideos (aus vertrauenswürdiger Quelle!) zu, die wie eine Gebrauchsanweisung just im Bedarfsfall die finanzielle Bildung punktuell herstellen.

Außerdem sollten wir klären, was „bessere Altersvorsorge“ eigentlich bedeutet.

Hier knüpfte die zweite Diskussionsrunde an. Finanziell flexibel und sicher ins Alter. Wie kann das gehen?

 

Kirchner | Giegold | Richter

 

Dr. Andrea Jahnen von der Verbraucherzentrale Hessen gab den Einstieg: Die Menschen sind auf der Suche nach der passenden Altersvorsorge. „…am meisten würde es helfen, wenn die staatliche Rente auf sicheren Beinen steht“, so zitierte sie O-Töne von Verbrauchern. Ihre sehr lesenswerte, kurze, prägnante Einschätzung finden Sie hier.

Ein einfaches, flexibles und transparentes Non-Profit-Vorsorgeprodukt in öffentlicher Trägerschaft – das wäre die Lösung, meint die Verbraucherzentrale Hessen.

 

Giegold stimmt dem zu. Vor allem RIESTER sei zu teuer, unflexibel und bringe keine Rendite. Besser wäre eine Altersvorsorge mit Staatsfonds – zum Beispiel nach Schwedischem Modell.

Richter, augenzwinkernd als oberster Fondslobbyist vorgestellt, konnte dem natürlich nicht zustimmen. Er führte den gerechten Wettbewerb an, der gefährdet wäre, würde der Staat in Konkurrenz zur Fondsindustrie eigene Fonds auflegen. Richter meinte, der Staat solle vielmehr RIESTER reformieren… ohne hierzu jedoch konkrete Ansatzpunkte zu nennen.

Den Wettbewerb im Fondsgeschäft sieht Giegold dagegen nicht als unantastbares „goldenes Kalb“ an. Außerdem könne die Fondsindustrie gerne ihre „Wettbewerbsfonds“ einbringen. Jedenfalls wäre ein „Deutschlandfonds“ oder eine „Deutschland-Rente“ nach Schwedischem Modell genau das, was den Bürgern mehr Lust auf Altersvorsorge machen könnte: verlässlich, leicht zu verstehen und ohne Mühe umgesetzt.

 

Auf die Frage von Moderator Kirchner erklärte Giegold eine denkbare „Deutschland-Rente“ nach „Schweden-Modell“ genauer:

Der staatliche Pensionsfonds wäre die Standard-Option (= default option), gegen die sich Bürger bewusst entscheiden können, wenn sie andere private Vorsorgemöglichkeiten bevorzugen.

Wer den staatlich verwalteten Fonds also ganz bewusst ablehnt, der kann sich dagegen oder für eine andere Lösung entscheiden. So kann der Bürger also z. B. wählen, ob er

  • nicht mitmachen möchte (opt-out-Lösung) oder
  • in andere als den staatlichen Fonds investieren möchte oder
  • vielleicht auch, ob er eine Garantie oder Teilgarantie auf seine Beiträge wünscht.

 

Tut er nichts, wäre er mit dem staatlichen Pensionsfonds automatisch am Kapitalmarkt investiert (kapitalgedeckte Altersvorsorge), der auf lange Zeiträume eine gute Rendite liefert.

Außerdem entfielen die großen Kostentreiber für Vertrieb, Verwaltung und Kapitalanlage, die bei den privaten Versicherern die Rendite für den Anleger schmälern – und zwar bis zur Gefährdung des realen Kapitalerhalts.

 

Übrigens stehen beim „Schwedischen Modell“ rund 850 Fonds zur Auswahl, d. h. der Wettbewerb ist gesichert. Wer jedoch nicht wählt (übrigens die meisten aller Schweden!), landet automatisch beim Staatsfonds „AP7″, der bislang ein hervorragendes Ergebnis erzielt hat. Bequem. Effizient. Einfach. Transparent. Kostenarm. Fertig.  🙂

 

Hackethal | Karopka | Richter | Giegold

 

Kritische Zuhörerfragen an die Diskutanten thematisierten z. B. die Kostenhöhe aktiver Investmentfonds und die Zukunftseinschätzung von ETFs. Zudem wurde deutlich, dass die von den Deutschen so geliebten Garantien bei Altersvorsorgeprodukten de facto wertlos sind, da sie sich auf nominelle statt reale Größen beziehen.

Aber das ist Ihnen, liebe BlogleserInnen, ja schon lange klar…

 

Zum Schluss noch ein Statement von Giegold:

Der Bundestagsabgeordnete Dr. Gerhard Schick wird zum Ende des Jahres sein Mandat niederlegen – um sich für die unabhängige Bürgerbewegung Finanzwende e. V. einzusetzen. Ein starkes Zeichen!

 

Der Hartmut Walz Finanzblog unterstützt FINANZWENDE.de, da sich diese für Transparenz und Verbraucherschutz auf dem Finanzdienstleistungsmarkt einsetzt und der Finanzlobby die Stirn bietet.

 

Eine wirklich gute Sache – machen Sie mit!

 

Herzliche Grüße
Hartmut Walz
Sei kein LeO!

 

Erschienen am 28. September 2018.

Der Hartmut Walz Finanzblog ist unabhängig, kosten- und werbefrei. Ich erhalte für Links und Empfehlungen keinerlei Honorar, Kick-back, Beteiligung o. ä.

 

Share on FacebookGoogle+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInShare on XingEmail to someone


Zur Übersicht


2 Kommentare zu “Ich war für Sie in Frankfurt: Altersvorsorge anders denken, eine Podiumsdiskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Bitte haben Sie Verständnis: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch mich als Inhaber des Hartmut Walz Finanzblog freigeschaltet. Bitte vermeiden Sie externen Links, Adressen oder Telefonnummern, diese werden nicht veröffentlicht.

Zur Übersicht