KURZE BEINE
Die Rückkehr zum Mittelwert bei der Geldanlage, Teil 2

Übertreibungen haben kurze Beine – sowohl bei Euphorie als auch bei Panik. Das haben Sie im ersten Teil dieses Blogbeitrags erfahren. Und auch wenn Vermögenspreise mehr oder minder heftig schwanken…

…besitzen sie jedoch mittel- bis langfristig die starke Tendenz, zu einem mittleren Wert oder Mittelwert zurückzukehren. Wie diese Rückkehr zum Mittelwert (Regression to the Mean) langfristig auch bei der Geldanlage funktioniert, erfahren Sie heute.

Schauen wir uns an, wie sich das Phänomen Rückkehr zum Mittelwert auf die unterschiedlichen Anlagestrategien auswirkt.

Doch zunächst sollte unbedingt und dringend (Sie bemerken mein Augenzwinkern), die Abbildung aus dem ersten Teil korrigiert werden. Sie erinnern sich an meine Einschätzung verschiedener „Tätigkeiten“ und welcher Einfluss (Zufall oder Können) jeweils für den Erfolg überwiegt.

Aufgrund vielfacher Leserhinweise nach dem Ausscheiden der Deutschen Nationalelf aus der Fußballweltmeisterschaft sehen Sie nachstehend die angeregte Berichtigung… 😉 Und sind damit auch gleich wieder voll im Thema drin.

 

Doch nun wieder in vollem Ernst:

Rückkehr zum Mittelwert:
Konsequenzen für den aktiven Investor (Value-Investor)

Aktives Investieren findet vor allem in zwei Erscheinungsformen statt. Erstens: Der Investor wählt einzelne Titel, z. B. Aktien aus (Stock Picking). Zweitens: Der Investor versucht, den richtigen Ein- bzw. Ausstiegszeitpunkt zu treffen (Market Timing).

Aufgrund einer Vielzahl wissenschaftlicher Studien und nicht zuletzt der Erkenntnisse renommierter Nobelpreisträger lehnt der Verfasser dieses Blogbeitrags aktives Investieren grundsätzlich ab. Aber das wussten Sie ja schon  😉

Auch wenn Finanzmärkte in der Realität nicht vollkommen effizient sein mögen. Ohne (illegale) Insiderkenntnisse sind meines Erachtens nachhaltige Überrenditen, d. h. ein Wertzuwachs über die Marktentwicklung hinaus, nicht möglich.

Für die unverbesserlich Aktiven 

Trotzdem soll hier für die unverbesserlich Aktiven kurz beschrieben werden, wie aktive Investoren die Rückkehr zum Mittelwert nutzen.

Bei der Technischen Analyse leiten aktive Investoren aus unterschiedlichsten Formen von Aktiencharts Trendsignale, Formationen etc. ab, die zu Kauf- oder Verkaufsentscheidungen führen. Das Fehlen jeglicher wissenschaftlicher Beweise für das Funktionieren Technischer Analyse kümmert die Fangemeinde wenig. Vielmehr stützt diese sich auf rein zufällige Einzelfälle, in denen die Methode funktionierte. Aber man kann auch mit komplizierten Methoden mal zufällig die Lottozahlen treffen.

Ich bleibe lieber beim bewährten Kaffeesatzlesen.

Anhänger der Fundamentalanalyse (Value-Investoren), wie z. B. Warren Buffet, vergleichen den inneren Wert, also z. B. Substanzwert und/oder Ertragswert einer Aktie mit deren Börsenpreis. Eine zentrale Grundannahme der Value-Investoren besagt, dass die Börsenpreise um diesen inneren Wert schwanken, also nach oben oder unten übertreiben, jedoch tendenziell wieder zu dem inneren Wert zurückfinden.

Folgt man dieser Annahme, ist die Handlungsempfehlung klar: Der aktive Investor wird verkaufen, wenn der Börsenpreis über dem von ihm ermittelten inneren Wert liegt. Und kaufen, wenn er unter dem inneren Wert liegt.

Klingt plausibel, ist jedoch in der Umsetzung aus vielerlei Gründen schwierig. So kann es sein, dass sich der innere Wert einer Aktie nicht oder nur mit großem Aufwand ermitteln lässt. Der ermittelte Wert kann auch einfach falsch sein. Und selbst wenn die Vorgehensweise funktioniert, müssen die Kosten des aktiven Handelns auch erst wieder zurück verdient werden …

Ausführlich und nicht ohne Humor gehe ich im Kapitel B 12 „Hin und her – Taschen leer“ in meinem Buch „Einfach genial entscheiden in Geld- und Finanzfragen“ auf verschiedene aktive Anlagestrategien ein und vergleiche diese mit dem passiven Investieren.

Achtung: Zudem kann eine Abweichung der Kurse vom inneren Wert nach unten oder oben durchaus lang anhaltend sein. Schon oft ist es vorgekommen, dass ein aktiver Investor nachträglich Recht bekommen hat – aber erst, nachdem er pleite oder schon tot war.

 

Rückkehr zum Mittelwert:
Konsequenzen für den passiven oder regelgebundenen Investor

Für den passiven oder regelgebundenen Investor sind die Schlussfolgerungen einfach. Im Kurs schwankende Anlagen wie Aktien nimmt er im Rahmen seiner Risikotragfähigkeit und Risikoneigung in sein Portfolio. Und beachtet dabei den zu ihm und seine Bedürfnissen passenden Anlagehorizont.

Ist der Horizont lang genug, z. B. über zehn oder fünfzehn Jahre, so muss sich der passive Investor wenig Sorgen machen. Da die Rückkehr zum Mittelwert zwischenzeitliche Kursverluste mit höchster Wahrscheinlichkeit wieder kompensieren wird.

Um die „ruhige Hand“ zu bewahren und die Nerven zu schonen, hilft dem passiven Investor die folgende Metapher, die auf den Börsenaltmeister André Kostolany (1906 – 1999) zurückgeht:

Ein sportlicher Mann geht mit seinem jungen Hund auf eine lange Bergwanderung. Der Hund läuft dem Mann manchmal auf dem Weg voraus und bleibt auch manchmal zurück, wenn er etwas Interessantes gewittert hat. Aber bei der Brotzeit am Ende der Wanderung wird der Hund zu Füßen des Mannes sitzen.

Stellen Sie sich einfach vor, dass der junge Hund für die Börsenkurse steht und der sportliche Wanderer für die Entwicklung der (Welt)Wirtschaft.

 

Und was bedeutet das nun konkret für Sie?

  • Die Finanzmärkte sind langfristig ziemlich effizient – die Preise bilden meist und ganz überwiegend die dahinter stehenden Werte korrekt ab.
  • Das schließt nicht aus, dass es kurzfristig und in Einzelfällen zu Fehlbewertungen kommt.
  • Ein großer Teil dieser Fehlbewertungen sind Über- oder Untertreibungen von Preisentwicklungen, die oftmals zyklische Muster aufweisen.
  • Häufig sind „externe Schocks“, wie z.B. politische Ereignisse ursächlich für Über- oder Untertreibungen der Märkte. Jedoch haben gerade politische Börsen meist (besonders) kurze Beine.
  • Früher oder später bauen die Märkte diese Über- oder Untertreibungen wieder ab, d.h. es kommt im Laufe der Zeit wieder zu einer Annäherung der Preise an den (fundamentalen) Wert –>  Rückkehr zum Mittelwert, Regression to the Mean.
  • Aktive Investoren hoffen (z. B. auch Manager traditioneller Investmentfonds), die Rückkehr zum Mittelwert vorauszusehen und z. B. durch sogenanntes Market Timing nutzen zu können. Dies gelingt jedoch meist nicht – insbesondere in einer Betrachtung nach Kosten.
  • Langfristig orientierten, passiven und vor allem aufgeklärten Investoren dient die Kenntnis des Phänomens Rückkehr zum Mittelwert vor allem als Beruhigung und Balsam für ihre Nerven. Sie rennen wegen einer schlechten Laune nicht gleich zum Psychiater, wegen gelegentlicher Kreuzschmerzen nicht sofort zum Masseur und verkaufen wegen eines Hustenanfalls des amerikanischen Präsidenten Trump nicht gleich ihre Aktien.

 

Und wenn Sie sich jetzt, wie ich, fragen: Wer und wo sind eigentlich die hoffnungsvollen Unverbesserlichen, die der systematischen Selbstüberschätzung unterliegen, hohe Transaktionskosten zahlen und dann noch langfristig eine unter dem Marktdurchschnitt liegende Rendite erhalten?

Dann sind wir d’accord 😉

Und bitte empfehlen Sie den Blogartikel weiter.

Herzliche Grüße
Hartmut Walz
Sei kein LeO!

 

Erschienen am 13. Juli 2018.

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8 Kommentare zu “Kurze Beine – Die Rückkehr zum Mittelwert bei der Geldanlage, Teil 2

  1. Mathias Schneidereit

    Lieber Herr Walz,
    Ich diskutiere derzeit viel mit meiner Frau über Investitionsmöglichkeiten und die damit zusammenhängenden Risiken und Möglichkeiten. Gerade die Metapher vom Wanderer und seinem Hund hat mir wunderbar geholfen, meiner Frau die Volatilität von Märkten und die Idee vom passiven Investieren ein wenig greifbarer zu machen. Wie immer ein sehr gelungener Artikel – vielen Dank!
    Viele Grüße,
    Mathias Schneidereit

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Lieber Herr Schneidereit, herzlichen Dank für das konstruktive Feedback. Ja, ich weiß, dass nützliche Bilder im Kopf uns die richtige Entscheidung viel einfacher machen.
      Die meisten Deutschen sparen sich aus falschem Verständnis für Risiken freiwillig arm. Das wird Ihrer Frau und Ihnen nicht passieren. Alles Gute weiterhin 😉
      Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten
  2. Raimund Gebhardt

    Wiedermal ein kompakter Beitrag, vollgestopf mit relevanten Informationen und dabei leichtfüßig zu lesen. Kompliment. Auch dass das die Problembereiche der Fundamentalanalyse unter die Lupe genommen werden, ohne ungerecht zu werden. Super – damit haben Sie sich eine Sommerpause redlich verdient (sofern Sie eine vorhaben).

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Lieber Herr Gebhardt, danke für die (Sommer)Blumen! Fair und neutral – so soll der Hartmut walz Finanzblog sein. Und eine Sommerpause ist tatsächlich für August vorgesehen. 😉
      Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten
  3. Volker Hildebrand

    Vielleicht muss man “die Unverbesserlichen” penetrant mit dem einzig sinnvollen “Wissenschaftlichen Investieren” konfrontieren!?
    Das werden wohl aber eher auch nur unabhängige Finanzberater machen!
    …Ihr Fazit bietet sowas von treffend formulierte Mehrwerte für jeden Leser und Sparer – wer das ignoriert, muss ein “Unverbesserlicher” sein und dem ist dann eben leider wohl auch nicht mehr zu helfen!
    Bitte weiter solch überzeugende Beiträge. Ich teile den Beitrag für Kunden und sonstige Leser auf Facebook mal gleich 🙂
    Dankenswerte Grüße aus der Vermögenswerkstatt

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Lieber Herr Hildebrand, danke fürs Weiterempfehlen. Die Problematik ist schnell erkannt aber sehr schwer zu lösen. Mit den für den Anleger schlechtesten Produkten und Vorgehensweisen lässt sich eben für die Anbieter am meisten verdienen. Das hat zwar ein Nobelpreisträger gesagt, aber der Zusammenhang ist auch für den “Normalbürger” verständlich.
      Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten

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