DER LINDY-EFFEKT
Finanzinnovationen zwischen Weißem Hai und Grippevirus

Innovation ist zwar für eine Gesellschaft insgesamt wichtig, jedoch für den Einzelnen keineswegs immer vorteilhaft. Die Bilanz zwischen Innovationsnutzen und Innovationsrisiken ist bei Finanzinnovationen aus Sicht des Privatanlegers in der Regel negativ.

 

In meinem Blogbeitrag „Verraten wie verkauft – 7 schlimme und häufige Manipulationen im Verkaufsgespräch unfairer Finanzberater“ hatte ich einen typischen Ausspruch eines FPVs zitiert: „Ich habe da etwas ganz Neues für Sie!“. Finanzprodukteverkäufer verwenden gern diesen Köder. Denn die meisten Menschen setzen „Neu“ mit „Gut“ gleich. Und wenn es um Geld geht, setzen sie gern „Neu“ mit „schnell reich“ oder „besser“ gleich. Eine gewisse NeuGIER ist leider allzu menschlich und normal. Der FPV kann sich also einer geschärften Aufmerksamkeit des Privatanlegers schon mal sicher sein.

 

Doch Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

Das Wissen um die Lindy-Regel hilft, unsere NeuGIER zu zügeln und Anlagerisiken zu mindern.


Bitte nicht falsch verstehen: Die Lindy-Regel bezieht sich nicht auf einzelne konkrete Lebewesen. So ist die fernere Lebenserwartung eines Achtzigjährigen mitnichten höher als die eines Zwanzigjährigen.

Die Lindy-Regel bezieht sich auf Systeme, Institutionen und ganze Spezies. Sie besagt, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit einer bereits lang lebenden Spezies höher ist als die einer erst vor kurzem erschienenen Spezies.

 

Ein Beispiel
Die Überlebenswahrscheinlichkeit einer bereits lang lebenden Spezies, wie des Weißen Haies, ist höher als die einer erst vor kurzem aufgetretenen Spezies, wie des Virus der letzten Wintergrippe. Während es Jahr für Jahr neue und andere Grippeviren gibt und der Grippevirus des letzten Winters schon lange wieder ausgestorben ist, zeigen Versteinerungen und Sedimente, dass es den Weißen Hai seit vielen Tausend Jahren schon gibt.

 

Ein Beispiel aus der Finanzwelt
Viele Währungen haben nicht einmal zehn Jahre funktioniert. Sehr alte derzeit lebende Deutsche haben in ihrem Leben fünf (!) verschiedene Währungen erlebt, um nicht zu sagen: überlebt. Demgegenüber behält Gold schon über 6.000 Jahre seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel.

Wenn Ihnen ein FPV also mal wieder mit großen Augen offeriert: „Ich habe da etwas ganz Neues für Sie!“, lehnen Sie sich zurück und stellen Sie sich (und ihm) zwei Fragen.

 

Vorsicht ist immer dann geboten, wenn Sie eine der beiden Fragen mit „Nein“ beantworten müssen:

(1)  Handelt es sich hier tatsächlich um eine relevante Neuheit?

(2)  Sollten wirklich gerade Sie diese Neuheit jetzt testen?

 

Vieles, was als neu und innovativ beworben wird, ist tatsächlich nur der übliche alte Wein in neuen Schläuchen. Oftmals also nur eine scheinbare Innovation oder Neu-Erscheinung.

So sind auch viele Finanzinnovationen lediglich Scheininnovation: Viele schaffen weder Zutritt zu einer neuen Anlageklasse, noch sparen sie Kosten oder Mühe ein. Sie strukturieren meist nur ein bisschen komplexer und klingen noch ein bisschen englischer. Vor allem aber dienen sie dazu, unsere NeuGIER anzusprechen.

Oder sie werden geschaffen, um den Finanzvertrieben einen Anlass zu geben, Sie mal wieder anzusprechen: „Ich habe da etwas ganz Neues für Sie!“

 

Letztlich geht es um die Antwort auf die Frage:

Lohnt sich das Wagnis des Neuen, oder setzte ich auf Bewährtes?

 

Denn wenn es sich wirklich mal um eine echte Finanzinnovation handelt, dann hat sie oftmals noch „Kinderkrankheiten“, versteckte Risiken und unerwartete Nebenwirkungen. Beispiel gefällig? Als die Anlagezertifikate von Lehman Brothers unzählige Anleger verarmen ließen, war diese Innovation gerade mal ein paar Jahre am Markt.

In Bezug auf die Möglichkeiten Ihrer Geldanlage heißt das: Je älter eine Anlageform ist, desto vertrauenswürdiger ist sie…. Das Wissen um die Lindy-Regel ist ein heilsames Gegenmittel, um der durch unsere NeuGIER hervorgerufenen irrationalen Höherbewertung von Finanzinnovationen entgegenzuwirken.

 

Was bedeutet dies konkret für Sie?

Unterschätzen Sie nicht die „Säuglingssterblichkeit“ oder ungeahnten Nachteile von Finanzinnovationen.

  • Wenn Sie ein Anlageziel sowohl mit einer innovativen als auch mit einer bewährten Anlageform erreichen können, so bevorzugen Sie die bewährte.
  • Enttarnen Sie Scheininnovationen und hinterfragen Sie den behaupteten Innovationscharakter, z. B. mit der folgenden Frage: „Sagen Sie mal, kann es sein, dass ich das unter einem anderen Namen schon kenne?“
  • Begegnen Sie Finanzinnovationen mit gesundem Misstrauen und Zurückhaltung (Abwarten, Erfahrungen Dritter sammeln, mit kleinen Beträgen anfangen, Risikoteilung = Diversifikation) betreiben.

Wenn Sie mehr über die irrationale Höherbewertung von Neuem, und damit von scheinbaren Finanzinnovationen wissen möchten, dann lesen Sie bitte das Kapitel B 3 „Die Lindy-Regel“ in meinem Buch „Einfach genial entscheiden in Geld- und Finanzfragen“.


Hüten Sie sich also vor der „Neo-Mania“! Neu ist nicht immer gut. Sehen Sie das auch so? Schreiben Sie mir einen Kommentar.

Herzliche Grüße
Hartmut Walz
Sei kein LeO!

 

Erschienen am 07. Juli 2017.



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4 Kommentare zu “DER LINDY-EFFEKT: Finanzinnovationen zwischen Weißem Hai und Grippevirus

    1. Walz Artikelautor

      Danke, lieber Herr Neugebauer,

      Nein, natürlich sollen Sie nicht in Altbewährtem verharren, sondern Neuem stets aufgeschlossen sein.
      Aber wenn es an die Substanz geht, dann würde ich eben zum einen nicht der Allererste sein wollen, der eine Innovation testet. Beispielsweise warte ich gerne nach einem Modellwechsel eines Automobilherstellers ein paar Monate, bis die ganz “Innovationsgierigen” die Kinderkrankheiten des neuen Modells für mich getestet und der Hersteller diese beseitigt hat.
      Und zum anderen rate ich, Neuheiten immer erst mit “kleiner Dosierung” zu testen, d. h. nicht gleich hohe Beträge in die Innovation zu investieren.
      Auch hierzu ein Beispiel: Auf der Sachebene finde ich keinen wirklich relevanten Haken oder Fehler am Konzept der ETFs. Auf einer höheren – allgemeinen Ebene (auch Meta-Ebene genannt) weiß ich jedoch, dass es ETFs gerade rund 20 Jahre gibt, während sich Gold seit grob 6.000 Jahren als Anlage bewährt hat. Und aus diesem Grunde würde ich niemals all mein Geld in ETFs investieren…
      Sorry, wenn meine Antwort jetzt so lange geworden ist. Verstehen Sie es einfach als Kompliment an Sie, denn Ihre Frage war halt so gut!
      Herzliche Grüße Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten
  1. Dr. Frieder Bilfinger

    Wie wahr das alles ist.
    Ich denke die Geldgier ( hohe Rendite, schnelles Geld) spielt eine große Rolle in der Entscheidung. Aber das Bewährte
    lässt den Anleger ruhiger schlafen.
    Frieder

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Lieber Dr. Bilfinger, ich stimme Ihnen zu, dass Gier ein schlechter Ratgeber ist. Aus der Neuroökonomie wissen wir heute, dass Entscheidungen, die von Angst oder Gier getrieben sind, in anderen Hirnarealen getroffen werden als unemotionale Entscheidungen. Und damit sinkt in der Regel die Entscheidungsqualität. 🙂
      Herzliche Grüße Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten

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