GASTBEITRAG BERNINGER, MANNHEIM
10-Punkte-Plan für Tilgungsaussetzungsmodelle

Es drohen erhebliche Unterdeckungen bei bestehenden endfälligen Finanzierungen. Kunden werden durch Banken und provisionsgebundene Finanzdienstleister zu möglichen Lösungen regelmäßig nachteilig oder gar nicht beraten.

Dieser Gastbeitrag schließt an den Beitrag von Herrn Prof. Dr. Walz aus der vergangenen Woche an. Dort wurde die Konstruktionsweise von Tilgungsaussetzungsmodellen / Tilgungsträgermodellen – kurz gesagt: der Ersatz einer Darlehenstilgung durch einen Ansparprozess erläutert.

Wer anstatt einer regelmäßigen Darlehenstilgung lieber in einen Tilgungsträger einspart, führt ein Zinsdifferenzgeschäft durch. Dies ist umso vorteilhafter, je mehr die Nach-Steuer-Kosten des Fremdkapitals durch die Nach-Steuer-Rendite des Tilgungsersatzinstruments übertroffen werden.

Warum geht nun bei so vielen Menschen das Konzept des Tilgungsaussetzungsmodells nicht auf?

Die Antwort liegt in den zu hohen Kosten von intransparenten und wenig leistungsfähigen Ansparinstrumenten (= Tilgungsträger, meist Lebens- oder Rentenversicherungen), die letztendlich bei weitem nicht die Rendite erbringen, die bei Abschluss der Verträge in Aussicht gestellt wurde.

Banken, Versicherungen sowie die meisten Finanzdienstleister und Strukturvertriebe (also über 99% aller Anbieter für Privatkunden) bieten aufgrund ihres Geschäftsmodells ausschließlich intransparente Produkte an, die neben Provisionen eine Fülle weiterer – meist versteckter – laufender Produktkosten beinhalten.

Die Summe dieser Kosten (es gibt eine Menge von Beispielen, in denen diese den Betrag aller Einzahlungen übersteigen!) ist dafür verantwortlich, dass die Anlagerendite sehr niedrig ist.

Hohe und intransparente Kosten im Tilgungsträger

Egal, ob der Kunde klassische Tilgungsträger (z.B. Leben-/Rentenversicherungen) oder fondsgebundene Tilgungsträger nutzt: Die Wertentwicklung dieser Produkte bleibt regelmäßig weit hinter den Erwartungen (Modellrechnungen) zurück.

Während die Bruttorenditen der meist aktienbasierten Anlagen in den letzten 5 bis 30 Jahren im Mittel gut bis sehr gut rentierten, zehren die hohen Kosten im Tilgungsträger jedoch beim Sparer oft rund zwei Drittel dieser am Markt erzielbaren Rendite auf.

In den folgenden Abbildungen sind die Flächen entsprechend der Kosten und Erträge marktüblicher Tilgungsträger dargestellt:

  

Beispielhaft sei die Kostenstruktur eines marktüblichen Tilgungsträgers (Rentenversicherung) dargestellt, der als Tilgungsersatz für ein Darlehen dienen soll (1.000 Euro mtl.; Laufzeit 20 Jahre):

Aus der Summe der Sparraten von 240.000 Euro (= 1.000 Euro * 20 Jahre * 12 Monate/Jahr) wird oft ein erheblicher Teil – in diesem Fall „nur“ 196.160,75 Euro über 20 Jahre – stillschweigend entnommen, ohne dass Sie je eine Rechnung erhielten oder dies transparent nachgewiesen bekämen. Das Ergebnis wird erst ganz am Ende deutlich und hat fatale Auswirkungen auf das gesamte Tilgungsträgermodell: eben Defizit statt Überschuss!

Dennoch erfährt Ihre Anlage eine kleine positive Wertentwicklung. Nur ist diese eben viel zu gering – insbesondere wenn man real denkt, also zumindest den Inflationsschaden zurückgewinnen möchte.

Wie hoch wäre denn die zu erwartende Ablaufleistung, wenn man als Arbeitshypothese bei der Anlage des Tilgungsersatzes in einen möglichst breit gestreuten Aktienfonds eine langfristige durchschnittliche Rendite von 9% p.a. – vor Kosten und Steuern unterstellt?

(Zum Vergleich: Der MSCI World rentierte im Zeitraum zwischen 1985 und 2015 durchschnittlich 9,6% p.a.)

Bei den gegebenen Kosten sind (trotz der Anlagerendite von 9 %) lediglich 307.014 Euro Ablaufleistung zu erwarten. Wohlgemerkt: 240.000 Euro davon hat der Anleger selbst eingezahlt! Der Ertrag über 20 Jahre liegt somit bei mageren ca. 67.000 Euro – und zwar rein nominell, also vor Inflation.

Wären Sie damit zufrieden?

In Modellrechnungen, die den Tilgungsaussetzungen fälschlich zu Grunde gelegt werden, sind viel zu hohe Ablaufleistungen ausgewiesen. Dies liegt daran, dass sämtliche Kapitalanlagekosten (hier: 129.058 Euro als Teil der oben gezeigten Gesamtkosten in Höhe von 196.161 Euro) dem Kunden nicht gezeigt werden müssen. Das war und ist gesetzlich geduldet.

Die Modellrechnung des Anbieters weist aufgrund der rechtlich erlaubten Vernachlässigung der Kapitalanlagekosten bei 9% Anlagerendite p.a. somit stark überhöhte 588.000 Euro Ablaufleistung aus.

Wenn diese Anlage nun für ein Darlehen in Höhe von z. B. nur 400.000 Euro unterlegt wird, ist eine Deckungslücke von ca. -93.000 Euro (= 400.000 – 307.000) statt des vom Kunden erwarteten Überschusses von 188.000 Euro (= 588.000 – 400.000) vorprogrammiert.

Das macht – hat z. B. ein niedergelassener Arzt seine Praxisfinanzierung mit Tilgungsträger finanziert – eine Lücke von rund 281.000 Euro (nach Steuern) aus, was die Ruhestandsplanung schon beeinträchtigen kann.

Je länger die Laufzeit der Tilgungsanlage, desto größer wird die gezeigte Diskrepanz – gerade bei Ärzten und Freiberuflern sind Fehlbeträge von bis und über einer Million Euro keine Seltenheit.

Von der angenommen Marktrendite von 9% p.a. vor Kosten und Steuern über 20 Jahre kommen damit nur 1,98% p.a. beim Kunden an.

Oder mit anderen Worten: wenn der Kunde für sein tilgungsfrei gestelltes Darlehen mehr als 1,98 % Zinsen nach Steuern zahlt, dann wäre er im obigen Beispiel mit einer ganz normalen Tilgung besser gefahren.

Erschreckend, wie wenig sich diese Tatsache verbreitet – ein ironisches Lob an die Marketingabteilungen der Banken- und Versicherungsindustrie.

Die nachfolgende Abbildung stellt die vom Kunden meist getroffene Annahme über das Verhältnis der verschiedenen Kostenarten zum Ertrag mit der (traurigen) Realität sowie der bei einer transparenten Netto-Lösung erzielbaren Ergebnissen gegenüber.

 

Und was bedeutet das nun konkret für Sie?

  1. Wenn Sie noch kein Tilgungsaussetzungsmodell besitzen, so hinterfragen Sie, ob der erzielbare Zusatzertrag die Risiken Ihrer „Bilanzverlängerung“ sowie Ihren Flexibilitätsverlust rechtfertigt.
  2. Ein Tilgungsaussetzungsmodell mit klassischem Tilgungsträger kommt sicher nicht in Frage (egal ob klassische Lebens- oder Rentenversicherung oder auch eine „neumodische“ Indexpolice).
  3. Haben Sie den Punkt (1) positiv beantwortet, so benötigen Sie einen leistungsfähigen und transparenten Tilgungsträger, den Sie – bei angemessenen Kosten – über einen Honorarberater erhalten können. Wachsamkeit und Vorsicht sind gleichwohl immer angebracht. Auch Honorarberater sind keine Heilige!
  4. Sollten Sie einen klassischen Tilgungsträger aus der Provisionswelt haben, so ist Schadensbegrenzung angesagt.
  5. In der Praxis können regelmäßig die Produktkosten um mindestens -50% reduziert werden mit daraus resultierender Mehr-Ablaufleistung in mindestens gleicher Höhe.
  6. Je kürzer Ihr schlechter Tilgungsträger bislang läuft und je länger die noch verbleibende Restlaufzeit ist, desto eher lohnt sich der Umstieg.
  7. Eine unabhängige Beratung von Fachleuten auf Honorarbasis, die Ihre bisherigen Tilgungsanlagen gutachterlich prüfen und optimieren, ggfs. durch Netto-Geldanlagen auf wissenschaftlicher Basis ersetzen und die Verhandlung mit der bestehenden Bank beherrschen – ist ein gangbarer Weg.
  8. Gleichzeitig sollte ein Fahrplan für die Zukunft erarbeitet werden, der die sorgenfreie Voll-Tilgung des Darlehens sicherstellt und parallel die eigene Altersversorgung nicht gefährdet, sondern als „positive Nebenwirkung“ oder sogar weiter aufbaut.
  9. Werfen Sie die Modellrechnungen weg (und den FPV, der auf dieser Basis verkaufen möchte, aus Ihrem Wohnzimmer).
  10. Sei kein LeO!

Beste Grüße
Thomas  Berninger

Erschienen am 13. Oktober 2017.



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6 Kommentare zu “GASTBEITRAG BERNINGER, MANNHEIM: 10-Punkte-Plan für Tilgungsaussetzungsmodelle

  1. Thomas Berninger

    Sehr geehrter Herr Helmich,

    danke für Ihren Kommentar.

    Da haben Sie tatsächlich Glück gehabt, dass die Rahmenbedingungen sich für Sie vorteilhaft entwickelt haben.

    Beste Grüße aus Mannheim

    Thomas Berninger

    Antworten
  2. Dr. Juliane Hoch

    Guten Tag Herr Berninger,

    als niedergelassene Ärztin im Rhein-Neckardreieck wurde mir von einer Heidelberger Gesellschaft, die Unabhängigkeit als ihre Stärke sieht, für meine Praxisfinanzierung exakt ein solches Tilgungsaussetzungmodell gezimmert. Es läuft nun schon über zehn Jahre, andererseits habe ich noch knapp 15 vor mir. Kann es sein, dass ich Handlungsbedarf habe, obwohl der Anbieter unabhängig ist? Und kann ich nicht von der Gesellschaft selbst Unterstützung verlangen – ich habe ja schließlich auch dort bezahlt?
    Danke für eine Orientierung von IHnen.

    Dr. J. H.

    Antworten
    1. Thomas Berninger

      Guten Tag Frau Dr. Hoch,

      ich weiß, wen Sie meinen…dieser Anbieter hält leider keine Lösungen bereit, die sinnvoll sind.
      Wir wissen dies, da wir immer wieder Kunden von dort helfen und selbst Berater dieses Unternehmens bei uns Ihre Altersversorgung aufbauen, denn diese wünschen sich für ihre eigenen Belange wirklich unabhängige Beratung…..

      Aus vielen Jahren Erfahrung und unzähligen Gesprächen mit den Finanzdienstleistern wissen wir: Berater von provisionsorientierten Finanzdienstleistern haben leider weder das Wissen noch die Produkte Ihnen eine Lösung anzutragen, denn sie werden im Thema Kosten nicht geschult. Daher resultiert auch kein Bewusstsein, dass eine nachteilige Situation überhaupt vorliegen könnte – sie “sollen ja durchhalten”. Hier stirbt Ihre Hoffnung tatsächlich zu Letzt und damit auch eine Menge Ihres Geldes.

      Da Sie noch einige Zeit vor sich haben, sollten Sie zeitnah einen – tatsächlich unabhängigen – Honorarberater/Sachverständigen aufsuchen, der in der Lage ist Ihre Finanzierung zu “heilen” und sinnvoll in ihre Lebensplanung einzubetten, damit Sie aus dem Kauf Ihrer Praxis auch die gewünschte Vermögensmehrung von Beginn an erfahren.

      Wir helfen regelmäßig Ihren Berufskollegen aus unterschiedlichen finanziellen Situationen heraus.

      Beste Grüße aus Mannheim

      Thomas Berninger

      Antworten
  3. Helmut Kurz

    Sehr geehrter Herr Berninger,
    danke für Ihre klare Analyse – auch wenn mir diese Wahrheit die Zornesröte ins Gesicht treibt.
    Ich habe auch in gutem Glauben solche ein Paket abgeschlossen mit einer heute erkennbaren Deckungslücke im sechsstelligen Bereich.
    Restlaufzeit aber nur noch drei Jahre. Macht es da Sinn, dass ich zu einem Sachverständigen wie Ihnen gehe oder werden Sie mir auch nur noch Ihr Beileid aussprechen? Mit anderen Worten: gibt es bei kurzer Restlaufzeit noch etwas zu “retten”?

    Danke für Ihre Antwort.

    Helmut K., Offenbach

    Antworten
    1. Thomas Berninger

      Sehr geehrter Herr Kurz,

      danke für Ihren Kommentar, auf den ich gerne antworte und Ihnen helfen möchte.

      Mehrere Szenarien sind auch bei kurzfristigen Restlaufzeiten denkbar.

      Grundsätzlich können Sie den Schaden im engen Sinne mildern, d.h. der Schaden, den das Tilgungsersatzinstrument direkt verursacht hat.
      Andererseits sollten sie auch den Schaden im weiteren Sinne betrachten, d.h. der Schaden, der in Ihrer gesamten Vermögensplanung entstanden ist.

      Durch unsere Erfahrung halten wir einen Werkzeugkasten bereit, der z.B. durch ein patentiertes Modell diese Schäden stark mildern oder manchmal sogar vollständig eliminieren kann, so dass Ihr ursprünglich gedachtes Ziel (zumindest in Teilen) wieder erreicht werden kann.

      Ein Ersttermin ist traditionell bei uns kostenfrei, so dass wir den Umfang gemeinsam begutachten können und Sie von uns ein Grob-Konzept erhalten.

      Nehmen Sie gerne mit uns Kontakt auf.

      Beste Grüße und ein sonniges Wochenende aus Mannheim

      Thomas Berninger

      Antworten
  4. Igor Helmich

    Sehr interessanter Bericht. Leider kommt diese Information genau 28 Jahre zu spät.
    1989 habe ich eine Gewerbe Immobilie mit 392.000 € durch ein solches Tilgungsaussetzungsmodell mit LV finanziert und man hatte mir eine Tilgung des Darlehens zum April 2018 vorgerechnet.
    Seit 5 Jahren ist nun aber schon absehbar, das ich nächstes Jahr eine Deckungslücke von 138.000€ haben werde. Ich habe das bereits vor 2 Jahren durch ein sehr günstiges Bankdarlehen mit festgeschriebenen niedrigen Zinssatz für 2018 gelöst.
    Bedingt durch den Wertzuwachs der Immobilie und der daraus resultierenden auskömmlichen Mieteinnahmen, ist dies zwar kein Weltuntergang und trifft mich auch in der Finanzplanung meines Ruhestands nicht so sehr, aber es ist eine sehr ärgerliche Erfahrung, die der hier beschriebenen Praxis der Finanzdienstleister sehr nahe kommt.

    Danke für Ihre immer wieder sehr interessanten Beiträge, die ich interessiert lese.

    I.H. 61184 Karben

    Antworten

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