TRISTER RIESTER
Ein totes Pferd bekommt einen neuen Sattel

21 Euro mehr: Die jährliche Riester-Grundzulage wird ab 2018 von 154 auf 175 Euro angehoben. Lassen Sie sich wegen der 21 Euro nicht überreden. Zu überzeugen gibt es hier ohnehin nichts.

Als gäbe man einem toten Pferd einen neuen Sattel: Riester-Sparen ist nicht deswegen so unvorteilhaft, weil die staatlichen Zulagen zu gering wären – was man dann einfach mit deren Erhöhung hätte heilen können.

Nein. Riester-Sparen ist für die meisten Kunden unvorteilhaft, weil es, nicht zuletzt aufgrund einer „erfolgreichen“, aber für die Sparer unheilvollen Lobbypolitik der Finanzindustrie, ganz massive Konstruktionsfehler hat:

(1) völlig unangemessene Kosten, welche die staatliche Förderung oftmals um ein Mehrfaches übersteigen,

(2) eine bestenfalls gutgemeinte, aber fatal wirkende Renten-Garantie, die einen nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen vorteilhafteren Anlagemix verhindert und immens hohe Garantiekosten verursacht

(3)  im Ergebnis eine meist schlechte Renditeaussicht.

Hinzu kommt: (4) eine unnötige und unangemessen hohe Komplexität und Bürokratie, die erwiesener Maßen nicht nur den privaten Sparer selbst, sondern auch die Mehrzahl der Berater überfordert. Und als Folge häufig die Streichung oder Reduktion der Sparzulage oder den Verlust steuerlicher Vorteile hat – weil z. B. irgendwo irgendetwas falsch angegeben oder vergessen wurde, das suboptimale Riester-Produkt gewählt wurde oder Eigenzahlungen nicht eingehalten werden können. Von dem ganzen Verwaltungsaufwand und Datentransfer über mehrere Behörden und Ämter hinweg einmal ganz zu schweigen.

Nur am Rande: In rund 20 % (!) der rund 16,5 Millionen bestehenden Riester-Verträge wird ohnehin nicht mehr eingespart. Also bringt denen die Erhöhung der Zulage auch nichts.

Die aktuell gültige Form der Riester-Förderung als private Altersvorsorge ist – rein sachlich und ohne politischen Opportunismus gedacht – mausetot.

Sie war es auch schon vor der Niedrigzinsphase

Denn den höheren Nominalzinsen entsprach auch eine höhere Inflationsrate. Nur unterlagen die meisten Menschen der Geldillusion, d. h. haben sich – völlig zu Unrecht – an nominellen Größen statt am realen Kaufkrafterhalt orientiert.

Und die Unvorteilhaftigkeit des Riester-Konzeptes wird auch durch die ab 2018 wirksam werdenden Neuerungen keineswegs geheilt. Der neue Sattel erweckt das tote Pferd nicht zum Leben.

Als neutraler lobbyfreier Experte kann ich an dieser Stelle der Politik nur empfehlen, die Steuergelder doch gleich der armen Finanzindustrie zu überweisen.

Und den privaten Anlegern nicht mit „süßem Gift“ den Weg zu wirklich sinnvollen, renditestarken und kostenarmen Anlageformen wie zum Beispiel ETF-Sparplänen oder preiswerten Netto-Policen zu verstellen.

Denn was wird nun wohl in den nächsten Wochen und Monaten passieren?

Die Finanzindustrie wird die Botschaft „noch mehr Geld vom Staat“ in Werbefeldzügen nutzen, um schlecht informierte private Sparer (kurzgesagt LeOs) zum Abschluss von neuen Riester-Verträgen zu verführen. Also einem Ritt auf einem toten Pferd. Und das Pferd wird nicht wieder lebendig werden, nur weil es einen neuen Sattel hat. Eigentlich noch schlimmer: Der Sattel ist keineswegs neu – bestenfalls frisch poliert…

Ein einfacher Gedanke: Was bringt dem Sparer die erhöhte Riester-Zulage, wenn sich hierdurch z. B. in einem konkreten Fall das Verhältnis „erlittene Kosten“ zu „erhaltener Zulage“ von bislang 2,8 zu 1 auf 2,5 zu 1 „verbessert“?

Tatsache ist: Riester-Produkte haben i. d. Regel extrem hohe Kosten. Marktbeobachter beziffern diese auf im Durchschnitt über das Doppelte bis Dreifache von nicht staatlich geförderten Produkten der so genannten „dritten Schicht“ (wie z. B. einer Netto-Fondspolice). Das relativiert beispielsweise stark die Eigenwerbung von „Deutschlands erfahrenstem Direktversicherer“ der angibt, dass sein Riester-Produkt „nur halb so hohe Kosten wie der Marktdurchschnitt“ habe.

Dass es seltene Fälle gibt, in denen sich Riester-Sparen trotz des komplexen Wechselspiels zwischen staatlichen Zuschüssen und Steuervorteilen lohnen könnte, möchte niemand bestreiten (Geringverdiener mit mehreren Kindern, Verheiratete mit abgeleitetem Riester-Vertrag, Wohn-Riester unter bestimmten Bedingungen).

Wenn mir seriöse Experten dann aber berichten, wie viele Riester-Verträge eine Rente unter 50 Euro monatlich (und bei den „Hausfrauen-Verträgen“ sogar unter 10 Euro monatlich erbringen), bin ich schockiert. Erstens kritisiere ich das ungünstige Verhältnis von Kosten zu Mini-Sparbeiträgen und zweitens befürchte ich, dass die Empfänger solcher Mini-Renten sich jahrelang in falscher Sicherheit gewogen haben, da sie sich nicht vorstellen konnten, eine solch „symbolische“ Zusatzrente zu erhalten.

Vor diesem Hintergrund sind die Neuerungen ab 2018 als nur marginal zu bewerten. Sie werden nur Wenigen nutzen und für die Mehrzahl der Riester-Sparer nichts an der Unvorteilhaftigkeit, Komplexität und Intransparenz dieses Machwerks ändern.

Somit bleibt es leider beim Fazit

Die Riester-Rente ist ein totes Pferd und eines der offensichtlichsten Beispiele von Politikversagen in Deutschland. Andere Länder (z. B. Schweden) zeigen eindrucksvoll, wie mit sachgerechten politischen Rahmenbedingungen für die Masse der Bürger eine zwei- bis dreifach höhere Rente erreicht werden kann. Und das ohne steuerliche Subvention. Alter Schwede!

Und was bedeutet das nun konkret für Sie?

  • Seien Sie kein LeO! Und schließen Sie keinen traditionellen Riester-Vertrag ab, nur um ein paar Euro Zulage zu erhalten. Es gibt nur sehr wenige Fälle, in denen Riestern sich – auch bei erhöhter Zulage – wirklich lohnt (vgl. Punkt 3).
  • Sofern Sie einen bereits laufenden Riester-Vertrag besitzen, prüfen Sie die Möglichkeit, diesen auf einen kostenärmeren Anbieter umzustellen. Es gibt enorme Kostenunterschiede – und den ein oder anderen fairen Anbieter.
  • Wenn Sie von Ihrem FPV dahingehend beraten werden, einen neuen Riester-Vertrag abzuschließen, dann holen Sie mindestens eine zweite Meinung ein und prüfen Sie auch hier, ob Sie nicht gleich einen kostenarmen und transparenten, kurzum einen fairen Anbieter finden können. Im Zweifel rate ich Ihnen, lieber keinen Riester-Vertrag abzuschließen, sondern eine kostenarme ungeförderte Ansparlösung (ETF-Sparplan oder institutioneller Fonds über einen Honorarberater) bzw. eine transparente und kostenarme Netto-Police zu wählen.

Bereits vor 4 Wochen hatte ich meine geschätzten Leser schon einmal dazu aufgefordert mir „gute“ Riester-Verträge zu benennen. Die Bitte lautete: Wenn Sie einen Riester-Vertrag besitzen, bei dem Ihre erhaltenen Zulagen höher als die gesamten Kosten sind, bitte melden Sie sich bei mir!

Es überrascht mich nicht, dass ich bis heute keine einzige Zusendung dahingehend erhalten habe. Daher wiederhole ich heute das Angebot und lobe gar einen Preis unter den Zusendungen aus. Gerne verlose ich unter den Einsendern den bekannten Buch-Klassiker zum Thema „Manipulation“ von Cialdini mit dem Titel: „Die Kunst des Überzeugens“.

Bitte mailen Sie den Link zu diesen Blogbeitrag weiter – sicher kennen Sie jemanden mit einem „Riester-Thema“…

Herzliche Grüße
Hartmut Walz
Sei kein LeO!

 

Erschienen am 01. September 2017.



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11 Kommentare zu “TRISTER RIESTER – Ein totes Pferd bekommt einen neuen Sattel

  1. Lorenzo

    Zum Glück habe ich in letzter Sekunde ihren Blog gefunden Herr Walz.
    Ein Freund der mir natürlich nur gutes will, hätte es fast geschafft mir einen Riester Vertrag und eine Rürüp Rente anzudrehen (Über die Hochschule) – Dieser kam von Tecis… hatte bis dahin leider keine wirkliche Erfahrung damit.
    Zu den 2 Produkten die angeblich das beste auf dem Markt seien gehörten: WWK Premium FörderRente protect & Continentale BasisRente Invest
    Da es sich um einen Freund handelt, würde ich gerne wissen, wie man in schönen Worten formulieren kann, dass es sich um schlechte Produkte handelt? 🙂

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Lieber Lorenzo, wenn ich Sie richtig gelesen habe, haben Sie verstanden, dass Ihr „Tecis-Freund“ Ihnen ein schlechtes Produkt vermitteln wollte, mit dem Sie viel Geld verlieren werden, er dafür aber satte Provisionen verdient. Schön, dass Sie es noch gerade rechtzeitig gemerkt haben. Dass ich Ihnen nun jedoch dabei helfen soll, „nette Worte“ für Ihre Absage zu finden, überfordert mich gerade. Und auf solche Freunde können Sie meines Erachtens auch gut verzichten.
      Schicken Sie ihm doch einfach eine meiner gelben „Ich bin kein LeO-Postkarten“, dann weiß er Bescheid und sucht sich neue Freunde mit mehr LeO-Potential. Die Welt ist groß!
      Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten
  2. Stefan

    Nachdem ich mich vor ein paar Jahren sehr über meinen überteuerten Riesterrentenvertrag einer großen deutschen Versicherung geärgert habe, bin ich zum Riester-Banksparplan der Sparkasse *** gewechselt. Kosten vorher: höher als Förderung und Rendite zusammen!! Kosten jetzt: 10 Euro pro Jahr!!!
    Die Zinsen liegen auf Tagesgeldniveau knapp 1%, aber mit Förderung und Steuererstattung komme ich auf eine akzeptable Rendite. Etwas Angst habe ich allerdings vor der Auszahlungsphase. Bisher kann mir niemand sagen zu welchen Konditionen die Verrentung stattfinden wird.
    Gruß Stefan aus Hamburg

    *** Name vom Bloginhaber entfernt

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Lieber Stefan, naja unter den Blinden ist der Einäugige König. Ich stimme zu, dass das Angebot von den Kosten her recht gut ist, wie die meisten BankRiester im Vergleich zu VersicherungsRiester. Trotzdem bleibt offen, ob bei einem langfristigen Sparprozess ein Instrument der dritten Schicht (ein ungefördertes Produkt) mit höherer Rendite und geringen Kosten (z. B. ETF-Sparplan) trotz Verzichts auf Riesterzuschüsse nicht ein erheblich höheres Ergebnis bringt. Hinzu kommt, dass die meisten Banken und Sparkassen keinen SparRiester mehr anbieten, sondern ausschließlich Versicherungs- und in wenigen Fällen BausparRiester vermitteln.
      Danke für den kleinen Lichtblick 😉
      Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten
      1. Stefan

        Momentan sehe ich den Riester als den risikoarmen Teil meines Portfolios. Wobei ich natürlich weiß, dass das auch nur eine Wette auf die Langlebigkeit ist. Daneben habe ich noch mein Klumpenrisiko Eigenheim (ist in sechs Jahren abbezahlt, dann bin ich 53) und ein ETF Depot. Letzteres ist noch recht klein, aber ich arbeite daran. 😉
        Gruß Stefan

        Antworten
        1. Walz Artikelautor

          Lieber Stefan, das klingt doch gut. Dann von Herzen Gesundheit, Glück und Spaß! Ich glaube, das sind gute Ingredienzien fürs Lebens-Portfolio 😉
          Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!

          Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Liebe Kathrin, Stiftung Warentest kommt zum gleichen Ergebnis. Deshalb lasse ich das mal so stehen 😉
      Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten
  3. Martin

    Hallo BS. Das ist der Punkt: was HÄTTE Ihre Familie bei den guten Aktienmärkten erreichen KÖNNEN, wenn Sie nicht nur geriestert hätten. Und das finde ich einfach traurig: das viele denken, sie haben etwas gutes für ihre Altersvorsorge getan. Wurden aber eigentlich von besserem abgehalten/abgelenkt. Die völlig intransparenten und hohen Kosten von Riester sind schlecht. viele Grüße, der Martin

    Antworten
  4. B.Stasch

    Als (glücklich) verheirateter Vater von 3 Kindern haben meine Frau und ich geriestert…

    Das hat sich bis jetzt ordentlich ausgezahlt, da wir keine klassische Sparvariante gewählt haben, sondern
    einen Fond basierend auf Aktien, Da die Märkte in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind konnten wir so
    von steigenden Kursen partizipieren und die Zulagen mitnehmen.

    Aber es stimmt, die laufenden Kosten sind sehr, sehr hoch. Ob wir das wieder machen würden ? Klar, bei einer
    Rendite von 10 %/Jahr. Die Steigerungen und Kosten habe ich jedoch im Auge und werden stillegen, wenn nichts
    mehr dabei herauskommt. VG BS

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Liebe(r) BS, herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Zunächst möchte ich Ihnen zu der guten Entscheidung für Deutsche Aktien gratulieren. Sie haben ganz klar von einer der längsten und stärksten Aufwärtsentwicklungen des Deutschen Aktienmarktes profitiert. Also prima und da freue ich mich mit Ihnen. Hätten Sie jedoch – bei gleichem Risiko auf das Riestern verzichtet und einfach einen ungeförderten ETF-Sparplan abgeschlossen, so wäre Ihr Ergebnis sicherlich noch besser. Denn auch Sie zahlten in den letzten Jahren mehr Kosten (insbesondere gut versteckte ) als Sie Riester-Förderung erhalten. Wie ich in meinem Buch ja nachweise, liegen die Kosten häufig sogar über 100 % der Sparleistung… Also wird es höchste Zeit, um über einen Wechsel zu einem preiswerteren Anbieter nachzudenken und die Kosten zu halbieren oder zu dritteln… ? Es lohnt sich.
      Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!

      Antworten

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